Direkt zum Inhalt
Katholische Betriebsseelsorge
Diözese Rottenburg-Stuttgart
50 Jahre Jubiläum
Copyright Hinweis

Pixabay

Ulm
Jubiläum
29.12.2020

29 Jahre Betriebsseelsorger in Ulm - Werner Baur berichtet

Betriebsseelsorger in Ulm von 1977-2006, Fernfahrerseelsorge hat hier ihren Ursprung

Stark geprägt hat Werner Baur die 50.-jährige Geschichte der Betriebsseelsorge Ulm. 29 Jahre war der Sohn einer Arbeiterfamilie der Neugier, der Erzählungen seines Vaters Betriebsrat in einer Baufirma, gefolgt. Der junge studierte Religionspädagoge bekam einen Teilauftrag in der Hotel- und Gaststättenseelsorge, durch die Betreuung des Ausbildungsnachwuchses knüpfte er an seine Herkunftsgeschichte an.

Hier begann das Bewusstsein für die Realitäten der Arbeiter*innenschaft und deren Abhängigkeit. Gleichfalls musste er feststellen, dass Kirche die Arbeiterschaft nicht wahrnimmt. Durch seinen eigenen Konflikt (Mobbing & Bossing) an der Arbeitsstelle sucht Werner nach einer neuen Zukunft im Milieu der Arbeiterbewegung und findet die Betriebsseelsorge.

Die Themen entstanden aus den Betrieben. Damals kam z. Bsp. ein Betriebsrat von Iveco auf ihn zu, mit der Bitte eine Vernetzung für Suchtkrankenhelfer*innen aufzubauen und das Modell für andere Betriebe aufzuzeigen. Viele Leidensgeschichten haben ihn an seine eigene Leidensgeschichte erinnert, was ihn dazu bewog in Ulm und Biberach eine Mobbing-Selbsthilfegruppe aufzubauen und zu begleiten.

In Ulm ist die Fernfahrerseelsorge der Betriebsseelsorge entstanden, welche heute eine bundesweite Vorbildfunktion einnimmt. Wolfgang Gaugler der damalige Leiter der Betriebsseelsorge Rottenburg-Stuttgart schlug eine Betriebserfahrung im Speditionsgewerbe vor, da zu diesen Berufsgruppen niemand im Betriebsseelsorge-Team Kontakt hatte. Der LKW-Führerschein war der Zugang zu den Truckern. 2 Monate internationale und 1 Monate nationale Touren verbindet Werner mit den Kolleg*innen auf der Straße, 32000 km in 2 Monaten, 4 mal im eigenen Bett in dieser Zeit. Abgerundet hat er seine Karriere mit dem Busführerschein, dem Studienreisen für die Arbeitnehmer*innen folgten. Beim Busunternehmer Westermann fuhr er auf Honorarbasis Touren und konnte den Chef überzeugen den ersten behindertengerechten Bus in der Region anzuschaffen.

Mit der Tachoscheibe in der Hand vertrauten ihm die Fahrer schnell und manchmal bekam er eine Mitfahrgelegenheit, die ihn bis Hamburg gebracht hat.

An den von ihm eingerichteten sonntäglichen Stammtischen alle 3 Monate wurde über die Monotonie, Alleinsein in der Blechbüchse, Stress auf der Straße und vieles mehr geredet. Themen die die Jungs berühren, wurden durch fachliche Kompetenz aufgegriffen. Austausch mit der Polizei, Sicherheit bei der Güterverladung, Ernährungsberatung und vieles mehr erfuhren sie bei ihren Treffen. Highlight war das jährliche Grillfest im Sommer in Laichingen mit der ganzen Familie. An Ostern wurden am Rastplatz 200 Ostereier verteilt. LKW-Fahrer konnten aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen keine Seminare, Veranstaltungen oder ähnliches besuchen, deshalb sind sie bis heute sehr dankbar für die Angebote der Betriebsseelsorge.

Vom Kollegen Paul Schobel bekam Werner eine Empfehlung „schau mal bei der Polizei vorbei, da gibt es viele Belastungen“. 29 Jahre wurde vierteljährlich ein anderes Revier im Alb-Donau-Kreis in der Nacht als Seelsorger begleitet. Nach einem tödlichen Einsatz eines Polizisten wurde Hilfe bei den Kollegen im Verarbeiten des Geschehenen erforderlich, das war der Anlass die Notfallseelsorge zu gründen. Vorbildfunktion hat die Ulmer Notfallseelsorge für die ganze Diözese. Eine Kooperation von Kirchen und der Stadt und des Landkreises, sowie Polizei und Notarzt wurde initiiert und mit der Unterstützung von Domkapitular Ebert und der ev. Akademie Bad Boll die Notfallseelsorge gegründet. Auf wenig Akzeptanz gestoßen ist sie in den Kirchen zu dieser Zeit, um so bedeutender diese heutige Erfolgsgeschichte.

Die vielen Arbeitskämpfe welche Werner unterstützt hat in seiner Zeit, wird von Paul Schobel im Beitrag ausführlich erwähnt. Ein gegründeter Kernkreis von Ehrenamtlichen waren seine Unterstützer*innen mit ihren vielfältigen Erfahrungen aus den Betrieben.

Das geschwisterliche Miteinander im Betriebsseelsorge-Team trug Werner über all die Jahre, er nennt den einzigartigen Zusammenhalt als ein geschätztes Geschenk. Die vielseitige Ermunterung von Betroffenen, die in der Betriebsseelsorge Unterstützung eingefordert haben, waren die Rückversicherung seines Handelns.

Von Herzen wünscht sich Werner eine Betriebsseelsorge in der Welt der ungerechten Strukturen, welche die Botschaft der Gerechtigkeit am Leben hält!

Das Interview hat Betriebsseelsorgerin Susanne Hirschberger geführt.