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Erfolgreiche Proteste gegen Betriebsschließung in Tuttlingen

Gespräch von Betriebsseelsorger Thomas Maile mit dem Betriebsrat der Firma Smith und Nephew Orthopaedics GmbH über die Situation des Medizintechnikunternehmens in Tuttlingen in den letzten Monaten.

Im Juni 2021 erreichte die Belegschaft der Tuttlinger Medizintechnikfirma Smith & Nephew Orthopaedics die Hiobsbotschaft der Konzernleitung, dass der Standort Tuttlingen geschlossen werden soll. Die Beschäftigten waren geschockt und am Boden zerstört. Ein kerngesundes Unternehmen, das tiefschwarze Zahlen schreibt, soll einfach geschlossen werden und die Leute sollen gehen.

Nach einem halben Jahr kam ebenfalls ganz überraschend die Nachricht aus Amerika, dass der Standort doch nicht geschlossen wird und der Betrieb weitergeht.

Betriebsseelsorger Thomas Maile hat darüber mit dem Betriebsrat von Smith & Nephew gesprochen.

Protestkundgebung gegen Betriebsschließung der Fa. Smith & Nephew Tuttlingen

Als ihr gehört habt, dass der Betrieb geschlossen werden soll, was hat das mit euch und euren Kolleginnen und Kollegen gemacht?

Zuerst war es ein Schock für alle Betroffenen. Es kamen viele Emotionen hoch, wie Trauer, Angst, Wut, Verzweiflung und Unsicherheit. Unser Vertrauen in den Konzern wurde zutiefst erschüttert. Das Image des Konzerns ist für viele seit der Schließungsankündigung beschädigt. Der Stolz vieler, bei diesem Unternehmen zu arbeiten, wurde dadurch zunichte gemacht. Aber der Zusammenhalt vieler Kolleginnen und Kollegen wurde durch diese Nachricht verstärkt. Wir haben dies bei unseren Aktionen als sehr positiv empfunden. Man hat sich gegenseitig den Rücken gestärkt und Solidarität gezeigt. Jetzt, nach der Rücknahme der Entscheidung zur Schließung des Standorts, fällt es trotzdem schwer, so zu tun, als wäre da nichts gewesen. Es ist eine gewisse Verunsicherung geblieben.

Protestkundgebung gegen Betriebsschließung Fa. Smith & Nephew

Was habt ihr unternommen, nachdem ihr die Nachricht von der Schließung bekommen habt?

Wir haben umgehend eine zweitägige Betriebsversammlung in der Stadthalle Tuttlingen abgehalten. Danach haben wir einen Aktionsplan für die Kolleginnen und Kollegen und unser Gremium erstellt, wie wir uns gegen die beschlossenen Maßnahmen wehren werden. Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht und haben sehr viele Gespräche im Kollegenkreis geführt. Wir haben versucht, mehr Mitglieder für die IGM zu gewinnen, um unseren Aktionen mehr Nachdruck zu verleihen. Wir haben mit aktiven Pausen und durch Aktionen die Kolleginnen und Kollegen vor die Firma geholt und alle über die laufenden Verhandlungen zum Standorterhalt informiert. Es wurden gezielte Abteilungsversammlungen abgehalten, um zu hören, was die Kolleginnen und Kollegen auf dem Herzen haben. Wir haben uns Informationen zur Ausarbeitung eines Interessensausgleichs und Sozialplans eingeholt und begonnen, hieran zu arbeiten.  

Wer hat euch unterstützt bei eurem Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze?

Das war vor allem unsere Belegschaft, die fast geschlossen hinter uns stand. Auch die Geschäftsleitung hier vor Ort in Tuttlingen. Tatkräftig haben uns die IG-Metall, der DGB und die Katholische Betriebsseelsorge unterstützt. Auch die Vertrauensleute der Firmen Marquardt, SHW, Chiron, Aesculap und Hengstler zeigten ihre Solidarität mit uns und kamen zu unseren Protestkundgebungen. Starke Unterstützung kam auch vom Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck und vom Ersten Bürgermeister Emil Buschle. Auch die Baden-Württembergische Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut hat sich eingeschaltet. Und zahlreiche Solidaritätsadressen von Menschen aus der Region haben uns erreicht. Die Solidarität war schon eindrucksvoll.

Betriebsseelsorger*innen zeigen sich solidarisch mit den Kolleginnen und Kollegen der Firma Smith & Nephew in Tuttlingen.
Von links nach rechts: Michael Görg (Betriebsseelsorge Stuttgart), Josef Krebs (Betriebsseelsorge Heilbronn), Matthias Schneider (Betriebsseelsorge Reutlingen), Marian Schirmer (Betriebsseelsorge Böblingen), Rolf Siedler (Betriebsseelsorge Aalen), Peter Maile (Betriebsseelsorge Stuttgart 21), Wolfgang Herrmann (Leiter der Betriebsseelsorge Diözese Rottenburg-Stuttgart), Thomas Maile (Betriebsseelsorge Tuttlingen-Rottweil), Werner Langenbacher (Betriebsseelsorge Ravensburg) und Susanne Hirschberger (Betriebsseelsorge Ulm)

Wie kam es eurer Meinung nach zum Sinneswandel der Konzernleitung?

Anstoß dazu war der massive Widerstand aus der Belegschaft. Auch die offensive Öffentlichkeitsarbeit in Presse und Rundfunk. Und natürlich die exzellente Performance unseres Werks hier in Tuttlingen. Wir sind ein eingespieltes und hochmotiviertes Team.

Auch eine entsprechende Kommunikation auf Konzernebene bei den Entscheidern durch unsere Geschäftsleitung. Und auch die Pandemie und die dadurch resultierenden weltweiten Lieferprobleme spielte uns in die Karten: Wir konnten weiterhin produzieren und liefern! Positiv wirkte sich auch der Besuch eines Top-Managers unseres Konzerns aus Amerika aus, der sehr von unserem Produktionsstandort und dem vorhandenen Know-How beeindruckt war.

Welche Lehren zieht ihr aus den letzten Monaten?

Man kann sich nie in Sicherheit wiegen. Die Situation in einem Betrieb kann sich sehr schnell wandeln. Die Globalisierung macht auch vor alteingesessenen Unternehmen nicht Halt.

Engagement und Solidarität zahlen sich aus. Eine Krise kann die Menschen auch stärken, denn gemeinsam erreicht man mehr. Wir haben erleben dürfen, dass wir auf die Kolleginnen und Kollegen zählen können, wenn es darauf ankommt.