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Katholische Betriebsseelsorge
Diözese Rottenburg-Stuttgart
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Tuttlingen
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Stadt Tuttlingen

Tuttlingen
8.11.2021

Betriebsräte sprengen Ketten beim Oasentag auf dem Berg

Auch in diesem Jahr folgten über 30 gewählte Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter aus Wirtschaft, Kirche und Öffentlichem Dienst der Einladung der Betriebsseelsorge zu einem Oasentag auf dem Berg. Thomas Maile, der Tuttlinger Betriebsseelsorger, hieß die Frauen und Männer im großen Pilgersaal willkommen und lud sie eine, über ihre Arbeit in der Interessenvertretung nachzudenken, sich auszutauschen, einander Mut zu machen und aufzutanken.

In der Mitte des Saales lag eine schwere Kette auf dem Boden – zum Zeichen dafür, in welche Zwänge jene hineingeraten, die sich als Betriebs- und Personalräte oder als kirchliche MAV´s weit vorwagen müssen, um die Interessen der abhängig Beschäftigten wirkungsvoll zu vertreten. Ein enormer Arbeits- und Termindruck mache immer mehr zu schaffen. Einschüchterung, Launen und Machtspielchen der Vorgesetzten verschärften noch die Spannung. Auch unsolidarisches Verhalten der Beschäftigten selbst verderbe das Betriebsklima. Über allem aber hinge wie ein Damoklesschwert die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Mit Empörung nahmen die Anwesenden zur Kenntnis, dass Smith & Nephew sein Tuttlinger Werk grundlos schließen und 230 Menschen freisetzen wolle.

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"Kette der Knechtschaft" beim Oasentag 2021 auf dem Dreifaltigkeitsberg

Paul Schobel, der langjährige frühere Leiter der Betriebsseelsorge in der Diözese führte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Bolzenschneider vor Augen – Symbol für die Arbeit der Interessenvertretung im Betrieb. Da käme es an erster Stelle auf eine scharfe Schneide an. Er meinte damit eine klare Analyse der Machtverhältnisse, die notwendigen Kenntnisse der Rechtslage, den „scharfen Schliff“ in der Beurteilung wirtschaftlicher Vorgänge. Daran müsse man unermüdlich arbeiten und schleifen. Allerdings, so fuhr der Betriebsseelsorger fort, nütze eine einzige scharfe Klinge gar nichts. Eine zweite, nicht weniger scharf, müsse – durch ein starkes Gelenk verbunden – zum Einsatz kommen. Das sei die Solidarität der Beschäftigten, koordiniert und organisiert durch die Gewerkschaften. Ein Bolzenschneider brauche aber auch starke Holme, um ausreichende Hebelwirkung zu erzielen. Hier müssten Bündnispartner mit anfassen, wie etwa die Politik. Sie sei dem Gemeinwohl verpflichtet und könne sich nicht einfach wegducken, wenn Arbeitsplätze verlagert oder vernichtet würden. „Gute Arbeit“ sei entscheidend für Wohl und Wehe ganzer Regionen. Auch die Kirchen seien gefordert, denn sie bekennen den Gott der Bibel, der sein Volk Israel aus der Arbeits-Sklaverei Ägyptens herausgeführt habe.

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"Ketten sprengen" mit Hilfe eines Bolzenschneiders

Aber wie schafft man im alltäglichen Betrieb Gegenmacht und Solidarität? Wie können wir Ketten sprengen? Ihre Zettel mit vielen praktischen Vorschlägen hefteten die Teilnehmer an eine lange Kette der Freundschaft an. Sie wollen den Menschen am Arbeitsplatz zuhören, ihnen Zeit schenken, für sie da sein. Sie können ihnen den Rücken stärken, Konflikte deeskalieren und immer wieder Mut zusprechen. Wenn es gelingt, das „Wir-Gefühl“ zu stärken, sei Solidarität zu erzielen. 

Die lange Kette mit vielen guten Vorsätzen wurde zum Ende des Oasentags gemeinsam ins Brunnenhaus getragen. Alle hielten sich daran fest und erbaten den Segen Gottes, dass „Ketten der Knechtschaft“ wirklich zu „Ketten der Freundschaft“ werden.