Nachbericht von Daniela Grab-Brüggemann über die„Wort’s ab!“ Poetry Lesebühne Spezial im Rahmen von OneBillionRising 26.02.2026
„Wort’s ab!“ Spezial – Wenn Worte Ketten sprengen
Worte können trösten, aufrütteln, anklagen – und sie können Ketten sprengen. Dass sie all das zugleich vermögen, zeigte die „Wort’s ab! Poetry Lesebühne Spezial“ am Donnerstagabend im Abdera in der Breslauer Straße.
Veranstaltet wurde der Abend von der AG Geschlechter gerecht, genauer vom Planungsteam der Kampagne One Billion Rising Biberach, in dem auch die kath. Betriebsseelsorge mitarbeitet. Zu dem engagierten Netzwerk gehören auch Vertreterinnen und Vertretern städtischer Einrichtungen, Beratungsstellen, Bildungsinstitutionen und Ehrenamtliche.
Seit Jahren setzt sich das Bündnis dafür ein, Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen und Betroffenen eine Stimme zu geben.
Nach der Tanz-Demo auf dem Kirchplatz am 14. Februar folgte nun ein weiterer Höhepunkt im Rahmen der internationalen Kampagne.
Moderator Tobias Meinhold, Gründer des Portals „KultuReservoir Biberach“, hatte ein „kleines und feines Line-up“ angekündigt – inklusive einer Überraschung. Mehr wollte er im Vorfeld nicht verraten. Und tatsächlich: Der Abend hielt, was er versprach.
Der Überraschungsmoment: Laura Necker
Den Auftakt machte Feature-Artist Laura Necker aus Biberach. Ihr Text „Jede 3. Frau“ ließ den Saal spürbar verstummen. Chronologisch zeichnete sie das Leben eines Mädchens, das bereits mit zehn Jahren erste Grenzüberschreitungen erlebt, mit zwölf verbalen Attacken, mit 14 handgreifliche Übergriffe – und mit 15 schließlich unter Drogeneinfluss von einem 22-jährigen Mann vergewaltigt wird. Nüchtern in der Struktur, eindringlich im Ton, entfaltete der Text seine Wucht gerade durch seine Klarheit. Neckers Fazit war kein literarischer Paukenschlag, sondern eine konkrete Botschaft: Es ist nie zu spät zu gehen. Sich nicht abhängig machen. Hilfe holen. Das Notruftelefon wählen. Ein Text, der nicht nur erzählt, sondern Verantwortung einfordert.
Runde 1: Zwischen Satire, Selbstzweifel und Aufklärung
Marina Sigl aus Stuttgart, seit Jahren eine feste Größe der Slam-Szene mit über 300 Auftritten, brachte mit „Friedhelm“ zunächst Leichtigkeit ins Programm. Sie imaginierte eine Zeitschrift dieses Namens – inklusive Editorial, Ratgeberrubrik und absurden Schlagzeilen. Mit doppeltem Augenzwinkern sezierte sie Alltägliches und gesellschaftliche Schrullen. Das Publikum lachte befreit – und merkte doch, wie klug diese Komik gebaut war.
Marie Lemor aus Freiburg konterte mit „Alle meine Entchen“ – ein Titel, der harmlos klingt und doch in die Tiefen der Aufklärung führte. Sie sprach über Sexualerziehung als Schutzschild: gegen Gewalt, gegen Scham, gegen das große Schweigen. Pointiert und direkt machte sie klar, dass Wissen nicht verdirbt, sondern bewahrt.
Sehr persönlich wurde es bei Yvonne Hagmeyer aus Dettingen. In „Herzensangelegenheit“ sprach sie frei – als Monolog einer jungen Frau, die erste Gewalterfahrungen macht, mit bekannten wie unbekannten Personen. Sie schilderte Selbstzweifel, Scham, innere Zerrissenheit. Ihr Ziel: anderen Mut zu machen, das Schweigen zu brechen. Die Authentizität ihres Vortrags ging unter die Haut.
Die jüngste im Bunde, Madlenka Merk aus Biberach, präsentierte „Ohne Radiergummi“. Darin verarbeitete sie ihr Praktikum beim Deutschen Roten Kreuz in einem Heim für wohnungslose Frauen. Angelehnt an den Roman „Das Haus der Frauen“ von Laetitia Colombani reflektierte sie ihre ambivalenten Gefühle zwischen Mitgefühl und Überforderung, zwischen eigenem Privileg und dem Wunsch zu verstehen. „So normal – und doch hier“, lautete eine ihrer eindringlichsten Beobachtungen. Ein Text von erstaunlicher Reife.
Tanz, der verbindet: „Break the Chain“
Nach der Pause wurde nicht gesprochen, sondern getanzt. Zum offiziellen Kampagnensong „Break the Chain“ – komponiert von Tena Clark und Tim Heintz, choreografiert von Debbie Allen – erhoben sich Mitwirkende und Publikum gleichermaßen. Die bewusst einfach gehaltene Choreografie lud alle ein, mitzumachen.
„Zerbrich die Kette“ – selten wurde ein Titel so wörtlich genommen. Arme schnellten in die Höhe, Schritte wurden synchron, aus Einzelnen wurde Gemeinschaft. Für einen Moment war der Saal nicht nur Veranstaltungsort, sondern weltweiter Teil eines Protests, der seit 2013 am Valentinstag Menschen aller Geschlechter vereint.
„Ein Mann steht auf“
Direkt im Anschluss an den gemeinsamen Tanz trat Moderator Tobias Meinhold selbst ans Mikrofon. Sein Text „Ein Mann steht auf“ war dabei kein Schlusswort, sondern ein eindringlicher Auftakt zur zweiten Runde des Abends – ein persönliches Bekenntnis.
Ausgehend von der Zahl „eine Milliarde“ – so viele Frauen weltweit sind von Gewalt betroffen – reflektierte er die Rolle von Männern: das Wegsehen, das Mitlachen, das Schweigen. Persönlich und selbstkritisch beschrieb er, wie genau dieses Schweigen Teil des Problems werden kann.
Er plädierte für ein neues Verständnis von Stärke – als Mitgefühl, als Zuhören, als aktives Einschreiten. Feminismus, so Meinhold, sei kein Angriff, sondern eine Einladung zur gemeinsamen Veränderung. Mit dem Satz „Also stehe ich auf“ endete sein Beitrag – leise, aber bestimmt – und leitete damit über in die zweite Runde des Abends, in der die Perspektiven noch einmal vertieft wurden.
Runde 2: Schmerz, Humor und der Wunsch nach Umkehr
In der zweiten Runde zeigte sich die thematische Spannweite noch deutlicher.
Yvonne Hagmeyer las mit „Friedensgespräche“ einen Text, der erst in der Woche zuvor entstanden war. Darin beschrieb sie eine Beziehung, geprägt von körperlicher Gewalt, und den langen, schmerzhaften Weg zur Heilung – der nur mit professioneller Hilfe gelingen kann. Der Text wirkte roh, aktuell, notwendig.
Madlenka Merk bewies mit „Schreibblockade“, dass auch Humor ein Akt der Befreiung sein kann. Als Dialog zwischen ihr und der personifizierten Blockade entwickelte sich ein pointiertes Wortgefecht – klug, selbstironisch, herrlich komisch.
Marie Lemor wurde mit „Drei Minuten“ wieder eindringlich: Wenn statistisch alle drei Minuten eine Frau Gewalt erfährt, dann dürfe man das nicht als Zahl abheften. Der gefährlichste Ort sei oft der eigene. Ihr Appell: hinsehen, ernst nehmen, nicht relativieren.
Marina Sigl schließlich drehte in „Das Rad der Zeit“ selbiges zurück. Was, wenn man in einer gewaltbelasteten Beziehung Szenen ungeschehen machen könnte? Rückwärts – von der letzten Eskalation bis zur ersten Begegnung. Der Text sezierte die Mechanik toxischer Dynamiken und ließ die Frage im Raum stehen, warum Warnsignale so oft übersehen werden.
Ein Abend, der nachhallt
Die „Wort’s ab!“-Lesebühne Spezial war mehr als eine kulturelle Veranstaltung. Sie war Mahnung und Mutmacherin, Bühne und Schutzraum zugleich. Zwischen Lachen und Tränen, heiteren Momenten und schonungsloser Offenheit entstand ein Raum, in dem Gewalt nicht abstrakt blieb, sondern Gesichter, Stimmen und Geschichten bekam.
One Billion Rising bedeutet: Eine Milliarde erhebt sich. An diesem Abend im Abdera wurde spürbar, dass Veränderung dort beginnt, wo Menschen den Mut finden, aufzustehen – mit Worten, mit Tanz, mit Haltung.
Und vielleicht ist das die stärkste Botschaft dieses Abends:
Dass jede Stimme zählt.
Dass Schweigen bricht.
Und dass aus einem einzelnen „Ich stehe auf“ ein gemeinsames „Wir“ werden kann.
Daniela Grab-Brüggemann